Interdisziplinäre Zahnmedizin: Hier ist Teamwork gefragt

In relativ kurzer Zeit hat sich in der Zahnheilkunde viel gewandelt. Inwiefern trägt dies dazu bei, dass die interdisziplinäre Zahnmedizin immer wichtiger wird?

Nicht nur demografische Trends und veränderte politische Rahmenbedingungen wie das 2019 beschlossene Gesetz zur digitalen Versorgung trugen maßgeblich zu dieser Entwicklung bei, sondern auch technische Innovationen und frische Therapieansätze. Dadurch gewinnt die Zahnmedizin zunehmend an Komplexität. Generalisten stoßen schneller an die Grenzen ihres Behandlungsspektrums und ihres Know-hows – und das trotz umfassender Kenntnisse in puncto Mundgesundheit.

Das macht Spezialisierungen in einzelnen Teilbereichen wie Oralchirurgie, Implantologie, Kieferorthopädie, Funktionsdiagnostik oder Kinderzahnheilkunde notwendig. Um dennoch für alle Patienten optimale Therapieergebnisse zu erzielen, rückt interdisziplinäre Zusammenarbeit stärker in den Fokus.

Chance für Patienten und Praxen

Zahlreiche Studien über die Zukunft der Zahnmedizin zeigen, dass es sich bei der Einzelpraxis um ein Auslaufmodell handelt. Der Trend geht zu kooperativen Praxisformen, in denen sogar unterschiedliche medizinische Fachrichtungen zusammenarbeiten. Gemeinschaftspraxen, dentale Netzwerke oder Mehrbehandlersysteme bieten zahlreiche Vorteile. Wird der Patient insgesamt betrachtet wird, dann sprechen derartige interdisziplinäre Kooperationen vor allem Menschen mit komplexen Krankheitsbildern an – und solche, für die eine optimale Mundgesundheit besonders wichtig ist: Diabetiker, Rheuma- und Infarktpatienten, Senioren, Schwangere oder Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.

Für sie sind ganzheitliche Behandlungskonzepte mit umfassender Anamnese sowie Diagnostik und der Abstimmung mit Ärzten aus anderen Fachbereichen unerlässlich. Im Zuge einer Oberkieferrekonstruktion bei einem Diabetiker mit aggressiver Parodontitis verweist der behandelnde Kieferchirurg beispielsweise nicht nur an Parodontologen, sondern auch an Diabetologen und einen Kollegen, der implantologische Leistungen übernimmt.

Jeder einzelne dieser Behandler bringt sein fachspezifisches Wissen ein und ergänzt das Spektrum der Therapiemöglichkeiten. So können Erfahrungen ausgetauscht und gezielt zum Wohle des Patienten genutzt werden. Dieser erfährt so eine auf seine persönlichen Bedürfnisse und sein individuelles Krankheitsbild zugeschnittene Therapie. Das schlägt sich direkt in der Patientenzufriedenheit nieder. Konstant informiert und eingebunden in ein großes Netzwerk, nimmt er sich weniger als Kunde verschiedener Dienstleister und mehr als Partner wahr.

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Offene Kommunikationskanäle

Egal ob Überweisungen extern oder intern erfolgen: Dieses interdisziplinäre Zusammenspiel hat zahlreiche Auswirkungen auf Praxisalltag und Case-Management. So können sich Behandler verstärkt ihrem Tätigkeitsschwerpunkt widmen, aber auch nicht fachspezifische Schlüsselkompetenzen wie professionelle Führung, gutes Teamwork und vor allem effektive Kommunikation bekommen mehr Bedeutung.

Nicht nur Arzt-Patienten-Gespräche sind entscheidend für den Erfolg einer Behandlung, sondern auch der reibungslose Austausch unter Kollegen und technischen Dienstleistern. Ohne Koordination und ein sinnvolles Miteinander kann es zu erheblichen Verzögerungen sowie kostenintensiven Doppeluntersuchungen kommen. Entsprechend sollte der Informationsaustausch möglichst durchlässig gestaltet werden – ob durch Arztbriefe, Videokonferenzen oder elektronische Datenübermittlung.

Vor allem in Strukturen, die seit Jahren bestehen, wie bei klassischen Überweisungen vom Generalisten zum Implantologen und in der Kommunikation mit dem Labor, funktioniert dieser Informationsfluss bereits sehr gut. Digitale Technologien werden diesen Workflow künftig weiter optimieren, sodass beim elektronischen Austausch von Patientendaten nicht mehr jede Praxis ihr eigenes datenrechtliches Verschlüsselungssystem für E-Mails verwendet. Eigene fall- und einrichtungsabhängige Passwörter entfallen, und der damit aktuell noch verbundene bürokratische Aufwand nimmt ab.

An jedem Zahn hängt ein ganzer Mensch

Auch die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit über Disziplingrenzen hinweg wird zunehmend für wichtig erachtet. Vor allem bei der Behandlung von CMD-Patienten haben sich multidisziplinäre Kooperationen bewährt. In einer Mehrzahl der Fälle arbeiten Zahnmediziner gemeinsam mit Osteopathen, Physiotherapeuten, Orthopäden, Neurologen, HNO-Ärzten und sogar Psychologen. Auch in Sportmedizin, Frauenheilkunde und Rheumatologie stehen vermehrt die engen Wechselbeziehungen zwischen Zähnen und Organen oder Knochen im Vordergrund.

Entsprechende Strukturen sowie gemeinsame Fortbildungen, Vorträge oder Studien sind in Deutschland allerdings noch im Aufbau begriffen. Zahnmedizinisches Wissen vonseiten der Kollegen ist in den wenigsten Fällen vorhanden. Und umgekehrt stoßen Neurologen, Osteopathen und Co. bei vielen Zahnärzten auf Unkenntnis. Das Konzept der interdisziplinären Zusammenarbeit bringt also weitere Neuerungen mit sich, um den Menschen als Ganzes zu behandeln.

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