Der lange Weg zum Traumberuf

In unserer Rubrik Hausbesuch stellen wir junge Zahnärztinnen und Zahnärzte vor, die ihren Beruf mit viel Herz und Verstand ausüben. Dazu zählen alle, die eine Praxis gegründet oder übernommen haben, als angestellte Zahnärzte in Praxen arbeiten oder in Unikliniken tätig sind. Diesmal sind wir zu Gast bei Pasquale Schneider und Samim Zalgai. Sie haben sich 2017 in Wagenfeld niedergelassen – nach einigen Umwegen bis zum Zahnarzt-Dasein.

Die Praxis umfasst 7 Behandlungszimmer auf 600 Quadratmetern.

dentalMotion: Ihr Weg zur eigenen Praxis und zum Zahnarzt-Dasein war ja eher ungewöhnlich. Welche Stationen gab es bei Ihnen auf diesem spannenden Weg?

Samim Zalgai: Ich wollte nach dem Abitur erst mal eine Ausbildung machen, um mir Gedanken machen zu können, was ich studieren möchte. Ich habe mich auf Medizin beworben, keinen Studienplatz bekommen und mich zu spät um eine Ausbildungsstelle gekümmert ... wie das halt im Leben so läuft.

Durch den Zivildienst wusste ich, dass ich später nicht unbedingt im Krankenhaus arbeiten möchte, und habe mich auf einen Studienplatz für Zahnmedizin beworben. Vorher hatte ich mich noch kurz auf einen Ausbildungsplatz als Zahntechniker beworben, wo ich einen Ausbildungsplatz bekommen hätte. Da aber gleichzeitig die Zusage für Zahnmedizin kam, entschied ich mich zu studieren und habe direkt gemerkt, dass es das Richtige für mich ist: eine Mischung aus Handwerk und geistigem Input durch die Kurse wie Biochemie, Physik und Physiologie.

Pasquale Schneider: Ich fand den Beruf Zahnarzt schon als Kind toll. Ich bin bei meiner eigenen Zahnärztin immer super gut behandelt worden. Und im Beruf arbeitet man direkt mit Menschen und kann sich ein Stück weit handwerklich selbst verwirklichen. Aber durch eine ziemlich schwierige Schullaufbahn habe ich in der zwölften Klasse die Schule abgebrochen. Im Nachhinein möchte ich nicht mehr sagen, dass es meine dümmste Entscheidung war, aber es war nicht meine klügste.

Ich habe mich für vier Jahre als Soldat auf Zeit bei der Bundeswehr verpflichtet. Nachdem ich ein halbes Jahr dort war, dachte ich, dass das für mich nicht alles gewesen sein kann, und habe an der Abendschule mein Abitur mit dem Ziel nachgeholt, Zahnmedizin zu studieren. Nach drei Jahren Wartezeit, während der ich in einer Fabrik am Band gearbeitet habe, bekam ich dann endlich eine Zusage für einen Studienplatz in Heidelberg.

Besonderheiten der Praxis: Prophylaxezentrum mit 2 Behandlungseinheiten, fast volldigitalisiert, DVT, ein japanischer Garten

Besonderheiten der Praxis: Prophylaxezentrum mit 2 Behandlungseinheiten, fast volldigitalisiert, DVT, ein japanischer Garten

dM: Sie sind beide zusammen zur Schule gegangen, hatten dann aber während des Studiums keinen Kontakt mehr?

PS: Eigentlich hatten wir erst wieder gegen Ende meines Studiums Kontakt. Wir haben uns während eines Praxisgründerseminars getroffen. Da machte man sich zum ersten Mal Gedanken, wie man so eine Praxis eigentlich aufbaut und was dazugehört, also Personal, Equipment etc.

SZ: Das war spannend, weil man sich mal mit dem wirtschaftlichen Teil auseinandersetzen konnte und erfahren hat, wie viel ein Zimmer kostet oder was die Personalkosten ausmachen.

dM: Wie ergab es sich, dass Sie beide zusammen eine Praxis gesucht haben?

PS: Ich wollte erst mal ein paar Jahre Berufserfahrung sammeln, hatte aber nach dem Studium noch keine konkrete Vorstellung, ob ich angestellt bleiben oder ob ich alleine oder mit anderen eine Praxis aufmachen möchte. Wir haben ja beide als angestellte Zahnärzte gearbeitet.

Meistens sind es Kleinigkeiten wie ein Material, das man gerne bei der Behandlung verwenden möchte, die einem am Anfang gar nicht auffallen. Dann werden es größere Sachen und irgendwann kommt man an den Punkt, wo man sagt: „Gut, ich habe mir das jetzt lange genug angeschaut, ich mache jetzt meine eigene Praxis auf.“ Wir waren beide auf dem Sprung, etwas Eigenes zu machen, und dachten uns, dass es ja ganz nett wäre, das zusammen zu machen.

SZ: Also bei mir stand eigentlich von vorneherein fest, dass ich mich nach meiner Assistenzzeit so schnell wie möglich niederlasse. Ich zumindest finde, dass man, wenn man Zahnmedizin studiert, sich auch ein Stück weit selbst verwirklichen möchte. Meiner Meinung nach ist der Werdegang einfach so, dass man sich später selbst niederlässt, um auch den eigenen Behandlungsstil durchzuziehen.

Samim Zalgai kam über Umwege zum Zahnmedizinstudium, war aber sofort begeistert von der Mischung aus Handwerk und geistigem Input.

Samim Zalgai kam über Umwege zum Zahnmedizinstudium, war aber sofort begeistert von der Mischung aus Handwerk und geistigem Input.

dM: Mittlerweile wird es aber doch immer seltener, dass Zahnärzte selbst etwas gründen und viele scheinen mit dem Angestelltenverhältnis recht zufrieden zu sein.

PS: Es ist halt einfach ein Unterschied. Ist man angestellt, hat man einfach weniger Stress ...

SZ: ... und Verantwortung. Außerdem ist man örtlich und finanziell nicht so stark an etwas gebunden.

PS: Die Flexibilität und die Freiheit sind einfach anders, wenn man sich nicht selbstständig macht. Aber ein paar müssen es ja immer noch machen, es können ja nicht alle angestellt sein.

dM: Welche Anforderungen hatten Sie denn an die geplante Praxis?

PS: Wir wollten mindestens fünf Behandlungszimmer, damit wir jeweils auf zwei Zimmern arbeiten können und einen Raum nur für die Prophylaxe nutzen. Daher brauchten wir schon eine gewisse Praxisgröße. Glücklicherweise haben wir eine relativ große Praxis gefunden, in der wir sogar Erweiterungen vornehmen konnten.

Wir wollten mindestens fünf Behandlungszimmer, damit wir jeweils auf zwei Zimmern arbeiten können und einen Raum nur für die Prophylaxe nutzen.

dM: Was für eine Praxis haben Sie übernommen?

PS: Wir sind eine Landzahnarztpraxis, das heißt, wir müssen alles machen, weil wir unsere Patienten nicht für jede Kleinigkeit zum Chirurgen schicken können. Der nächste Chirurg ist nämlich ungefähr 30 km entfernt. Wir haben keine Tätigkeitsschwerpunkte in dem Sinne, aber wir bilden uns in bestimmte Richtungen fort.

Wir sind implantologisch tätig und mein Kollege macht auch hochwertige Wurzelkanalbehandlungen. Seit dem ersten Januar 2019 arbeitet eine Kollegin bei uns, die sich hauptsächlich mit Kindern befasst und quasi unsere Kinderzahnärztin wird. Das sind die drei Fachgebiete, die wir im Moment gut abdecken. Unser langfristiges Ziel ist es tatsächlich, eine zahnmedizinische Spezialistenpraxis zu werden, wo es für fast alle Gebiete einen Spezialisten gibt, zu dem man die Patienten überweisen kann.

Pasquale Schneider wollte schon als Kind Zahnarzt werden. Nach einigen Hindernissen lebt er nun seinen Traum.

Pasquale Schneider wollte schon als Kind Zahnarzt werden. Nach einigen Hindernissen lebt er nun seinen Traum.

dM: Wieso sind Sie aufs Land gegangen? War das geplant?

PS: Uns war es nicht wichtig, ob wir auf dem Land oder in der Stadt sind. Lasse ich mich allerdings in der Kölner Innenstadt nieder, ist die Mitbewerbersituation natürlich deutlich anders als auf dem Land. Das war aber nicht unser Grund, aufs Land zu ziehen. Nach anderthalb Jahren Suche an vielen Standorten kam uns die Praxis in Wagenfeld entgegen, die wir dann mit bestehendem Patientenstamm übernommen haben.

dM: Was war für Sie die größte Herausforderung bei der Praxisübernahme?

PS: Am Anfang sicherlich die Finanzierung. Man nimmt einen Haufen Geld in die Hand, das einem nicht gehört – das muss man ja einfach so sagen. Aber diese Angst wurde uns relativ schnell genommen, da wir einen guten Berater hatten, der uns da durchgelotst hat. Das war so das erste große Thema. Als wir dann die Praxis übernommen haben, war unsere Angst auch ein Stück weit, ob wir vom Personal gut angenommen werden und was die Patienten denken. Die waren ja den Stil der vorherigen Behandlerin gewöhnt. Aber in unserem Fall haben sich die Ängste alle nicht bewahrheitet.

dM: 2018 haben Sie sich für den Gründer- und Mutmachpreis LUXX der dzw beworben und wurden von der Jury ausgewählt. Wie empfanden Sie den Wettbewerb?

SZ: Die Veranstaltung war wirklich toll!

PS: Unsere Patienten haben sich natürlich für uns gefreut. Es gab sogar einen kleinen Zeitungsartikel in der Lokalzeitung. Der Award steht auch präsent an der Rezeption und bekommt jetzt tatsächlich noch einen schöneren Platz, nämlich eine richtige Vitrine.

dM: Welchen Stellenwert hat Ihr Team für Sie?

SZ: Das Team hat einen sehr hohen Stellenwert bei uns. Wir haben alle Mitarbeiter von unserer Vorgängerin übernommen. Mittlerweile haben wir 19 Mitarbeiterinnen, darunter auch eine weitere Behandlerin. Die meisten kommen hier aus dem Ort und sind mit den Patienten langjährig vertraut.

Um den Zusammenhalt weiter zu verbessern, unternehmen wir auch einiges zusammen, zum Beispiel „Kohltouren“, bei denen wir mit einem großen Bollerwagen mit Getränken durch die Natur ziehen und dann in eine Gaststätte zum Grünkohlessen einkehren, oder Praxissommerfeste. Und einmal im Jahr ist hier eine Kirmes, da schließen wir um 10 Uhr die Praxis und machen uns einen schönen Tag, an dem die Chefs natürlich alles bezahlen.

Das Praxisteam

Die Praxis beschäftigte zum Zeitpunkt des Interviews 19 Angestellte.

Mirko Plha, Studio Mirko Plha